Familiengeschichten

O Du Fröhliche...

 

...Vorweihnachtszeit! Es begann schon Ende November damit, dass unser Jüngster eines morgens mit glasigen Augen und roten Wangen herumlief. Kein Kandidat für die Schule – also zuhause bleiben. Ich sagte Schule und Fahrdienst Bescheid, vielleicht ist es ja bald rum, ich würde mich morgen wieder melden. Das ging so drei Tage lang, bis ich realisierte, dass es doch länger dauern würde und ihn abmeldete. In Gedanken strich ich erst mal alle Planungen, z.B. Eine kranke Freundin besuchen, in Ruhe den Schreibtisch aufräumen, Arzttermine, einmal vormittags über den Weihnachtsmarkt schlendern...

Ein autistisches Kind erfordert eben doch ein gewisses Mass an Aufwand und Betreuung. In der Woche darauf klagte  dann der nächste- Moritz-  über Kopfweh und hatte offensichtlich auch Temperatur. Bis mir nach dem morgendlichen Krisenmanagement einfiel, seine Schule anzurufen, war die „Meldefrist“ schon vorbei und ich musste mir mal wieder anhören, dass man bitte vor acht Uhr sein Kind abmelden sollte... Nun ging es darum, den Tag mit zwei kranken Jungs zuhause zu gestalten oder vielmehr zu überleben.
 

Im Doppelpack ging es zum Kinderarzt, schon auf der Pritsche im Untersuchungszimmer kam es zu ersten Handgreiflichkeiten mit der Schaumstoffrolle. Beide hatten einen leichten Infekt, verschleimt, viel trinken, Attest.

Inzwischen bestellte ich Geschenke Internet und die Weihnachtsbäckerei fiel aus. Am Mittwoch hatten wir einen wichtigen Elterntermin und es musste auch mal wieder eingekauft werden, also beschlossen wir, Tom probehalber in die Schule zu schicken. Als er zurückkam, sah er uns aus roten Augen vorwurfsvoll an und schrieb auf die FC-Tafel, er wäre noch krank und nicht fit genug und sollte sich erst mal ordentlich auskurieren. Also wieder zuhause bleiben. Der Neuntklässler versäumte derweil alle möglichen Schulaufgaben und lümmelte zockend am Sofa rum.

 

Am Freitag erklärte er mir fiebernd, heute müsse er zwecks Tutoren-Schlittschuhlaufen am Nachmittag unbedingt vormittags in die Schule. Ich änderte meine gewohnte Strategie ( Bist du sicher, dass du nicht in die Schule kannst...?) und versuchte ihm zu erklären, warum nicht, weil ihn ja offensichtlich schon der Gang zum Müll so fürchterlich anstrengt. Kurz darauf rief die Schwester vom Altenheim an, die Schwiegermutter wäre gestürzt und jemand sollte mit ihr zum Röntgen fahren – ich war kurz davor, einen hysterischen Anfall zu bekommen, beherrschte mich aber und verwies höflich an den zuständigen Sohn, was mein Mann ist. Einige Tage später – es war inzwischen 2. Advent, der Aldi Kranz wurde schon dürr und die Kerzen hingen schief, bekam er Magen-Darmgrippe. Ich betete, dass der Rest der Familie verschont bleiben würde.

 

 Tags drauf wieder zum Kinderarzt zwecks Attest. Es war ein klarer sonniger Tag mit etwas Schnee und ich wäre lieber im Park spazieren gegangen, statt dessen volles Wartezimmer mit quengelnden Kindern. Zuhause im Wohnzimmer diskutierten wir über das Programm, Michel aus Lönneberga oder BigBangtheory, keine Chance, meine klassische Weihnachtsmusik zu hören.

 

Endlich konnte der Teenager wieder zur Schule , ich fühlte neue Kraft – das würde ich auch noch durchhalten. Ursprünglich sollte der Freitag ein Tag für uns sein – zu zweit in die Stadt, irgendwo sitzen, Einkäufe machen bevor das Weihnachtschaos begann. Dann war Tom zuhause und mein Mann war stundenlang mit Oma beim Röntgen und kurz vor dem Kollaps. Abends  bot  uns unsere Tochter großmütig einen freien Abend an und wir flüchteten in die Sauna, das tat gut. Leider klemmte ich mir dann spätabends unglücklicherweise den rechten Zeigefinger in die Autotür ein,  gequetscht und kleine Platzwunde. Das hatte mir gerade noch gefehlt! Mein Mann war leicht überfordert, hatte heute schon genug Kranke  gesehen, schaffte es aber irgendwie, halbwegs die Blutung zu stillen. Ein Anruf im Krankenhaus ergab, dass ich mindestens zwei Stunden in der Notaufnahme warten  müsste.

Ein weiterer Anruf bei meiner (Kranken)Schwester mit Schnellferndiagnose (Wie groß der Schnitt, wo am Finger genau, Haut blau, rot oder weiß?) beruhigte mich wieder und ermutigte mich zur schnellen Selbstversorgung. Nach einem Glühwein gingen wir ins Bett. Am Wochenende war Maltreffen ( ich beschränkte mich aufs Plaudern und Verteilen nützlicher Ratschläge zum Thema “Berglandschaft mit Tuschefeder“), dann Weihnachtsfeier in Toms Schule, und am Sonntagvormittag Krippenspiel mit Moritz angesagt. Wir hielten tapfer durch.

 

Am Montag schickte mich mein Mann zur Hausärztin, es sollte besser doch ein Arzt drauf schauen. Der Finger war leicht entzündet und wurde fachärztlich desinfiziert und mit Klammerpflaster behandelt. Dann „Pflaster – oder nee, bei Frau Haller besser einen Verband, sonst arbeitet sie gleich wieder zu viel“ meinte unsere Hausärztin, die mich gut kennt. Inzwischen zeigte sich bei Tom eine leichte Besserung und ich hoffte auf baldigen Schulbesuch, Moritz quälte sich so durch um die letzte Chemiestunde vor dem Nachschreibetermin nicht zu verpassen.

Abends las ich eine Mail von unserer Tochter Elli – stimmt, die gab es ja auch noch, fast vergessen. Sie war mit einem Team in Frankreich unterwegs und ich sollte über ihren Rundbrief lesen, was ich schleunigst tat.

Dienstag nachts kam mein Mann von der Weihnachtsfeier heim, zwei Stunden später stand Tom vor meinem Bett. Schlaftrunken tappte ich mit ihm zum Bad und weiter durchs Haus, versuchte wieder einzuschlafen und meinen Eheliebsten vergeblich am Schnarchen zu hindern.

 

Um halb fünf kam unser Jüngster wieder, diesmal Windel voll, na prima. Inzwischen hatte ich ja schon eine gewisse Übung als Linkshänder entwickelt. An Schlaf nicht zu denken – theoretisch hatten wir ja noch ein freies Bett, aber das war nicht bezogen und mein Finger...

Um sechs bot mir meine Älteste großzügig ihr Bett an, sie musste los zur Ausbildung,

aber da musste ich eh raus. Um sieben beschwerte sich Moritz lauthals, weshalb er in die Schule müsse und sein Bruder nicht . Er wäre auch noch nicht so fit und überhaupt wegen dieser Sch.... Chemie Schulaufgabe – in dem Moment wurde Tom zusehends blass und begann zu würgen. Ich zog ihn eilig vom Sofa weg ins Bad, und zum Glück ging auch das meiste dann in die Schüssel – die Magen-Darmgrippe hatte ihn offensichtlich erreicht! Na prima.  Der Ältere verließ schleunigst den Tatort und ich holte nach der Erstversorgung der Patienten das Putzzeug, mein Mann schlummerte noch friedlich. Immerhin konnte ich dann später noch meine Weihnachtseinkäufe erledigen, solange mein Mann beim Spätfrühstück saß. Beim Lebensmittel einräumen träumte ich von einem Milchkaffee. Da kam auch schon die nächste Spuckladung, die halbe Tasse Tee  von vorhin – wenigstens in die Decke und nicht aufs Sofa, man freut sich ja schon über kleine Fortschritte. Nach einer weiteren halben Stunde, schnell die Waschmaschine noch an, konnte ich endlich meine Kaffeetasse in der linken Hand balancieren. Was war die Welt so einfach ohne Verband – weshalb weiß man das nicht  vorher zu schätzen?

Nur noch  drei Schultage bis zu Weihnachten, das würden wir irgendwie auch noch schaffen

– Oh Du Fröhliche!

 

O Tannenbaum

 

Der Weihnachtsbaum – Ich hätte nie gedacht, wie wichtig er für unseren autistischen Sohn ist! Zugegeben, er stand nah beim Sofa an Toms Lieblingsecke , und es sah immer so aus, als ob er sich ein bisschen an die Zweige kuscheln würde. Als wir unser Wohnzimmer umräumten und das Sofa mehr Platz beanspruchte, beschloss ich, dass ein kleinerer Baum ausreichen würde. Sonst hatten die männlichen Mitglieder unserer Familie sich immer ein ansehnliches Exemplar ausgesucht, das die Decke streifte und den Zugang zur Terrasse verbaute. Diesmal gab sich Gelegenheit auf dem ortseigenen Weihnachtsmarkt, und ich bestellte mit Lieferung frei Haus kurzentschlossen eine handliche Tanne, während sich mein Sohn nichtsahnend ins Karussell  gequetscht hatte und fröhlich seine Runden drehte und mein Mann seinen Glühwein schlürfte.
 

Als dann der Baum kam und aufgestellt wurde und die älteren Geschwister ihn schmückten, kam die Erkenntnis. Heulend und jammernd sass Tom auf dem Sofa, ich wußte erst gar nicht, was los war. Als er sich beruhigt hatte reichte ich ihm die FC-Tafel und er tippte:

ICH VERSTEHE NICHT WARUM IHR SO EINEN KLEINEN BAUM GEKAUFT HABT.

ICH MÖCHTE LIEBER EINEN GRÖSSEREN.

Ich versuchte zu erklären, warum und wieso, und das es weniger Platz gibt und überhaupt, Du bist so groß geworden, deswegen kommt Dir auch der Baum kleiner vor... Alles umsonst. Anklagende Blicke trafen mich und er überließ sich seinem Schmerz. Also echt, zusätzlich noch zum Weihnachtsstress das Theater wegen der Baumgröße... ich klagte unserer Familientherapeutin mein Leid –was sollte ich noch machen? Sie erklärte mir, dass es zuerst wichtig wäre, auf die Gefühle meines Sohnes einzugehen und sie ihm zu erklären und widerzuspiegeln:

„Du bist wütend und enttäuscht, weil der Baum kleiner ist als im letzten Jahr. Du hattest Dich vielleicht schon gefreut, wieder neben einem großen Baum zu sitzen und die Zweige zu spüren. Das tut mir leid.“ Dann sollte erst die Erklärung kommen. Das leuchtete mir ein – bei nächster Gelegenheit probierte ich es aus und er beruhigte sich viel schneller und hörte mir aufmerksam zu. Auch bei Konflikten in der Familie oder Frust über die eigene Behinderung hatte ich den Eindruck, dass es ihm guttat, ihm bei der Einschätzung seiner Gefühle zu helfen, ohne dass sich gleich eine Lösung ergab. Zumindest war die Weihnachtsstimmung gerettet, ein leichter Schmerz blieb.
 

Im darauffolgenden Jahr besprachen wir das Baumthema rechtzeitig,

und natürlich gab es konkrete Vorstellungen seinerseits: ICH MÖCHTE EINEN GROSSEN BAUM DER BUNT GESCHMÜCKT IST UND RICHTIG VOLL MIT ALLEM MÖGLICHEN. Alles klar - Tom ging mit Papa den Baum einkaufen und ich erweiterte unser Strohsterne und Glaskugelsortiment um bunte Autos, Glitzerengel und Lametta und eine zusätzliche bunte Lichterkette – Weihnachten kann kommen!

 

 

 

 

Ein ganz normaler Tag

Ein Tag im Leben der Ute H.

 

Morgens ist die Welt noch in Ordnung, ich denke noch über die Gespräche gestern nach.

Elterngespräch mit Toms Ärztin über seine Entwicklung als Autist  und im Allgemeinen, ihr eindrücklicher Rat: „Da müsset Sie au mal streng sein – net nachgebe!“ Später dann mit der Tochter beim Käfer Otto Peter – sorry, seit ich Axel Hackes Versprecher-Buch gelesen habe, krieg ich das Wort Kieferorthopäde nicht mehr ernsthaft über die Lippen... Die Ärztin beriet uns und wir müssen uns zwischen Spange oder Retainer entscheiden, und überhaupt, zahlt die Kasse da noch was bei Ü18?

Aber das ist alles schon Schnee von gestern, zumindest schaffe ich es jetzt, die Warteschleife der Hotline abzuwarten und kann auch mit einem hilfsbereiten Sachverständigen sprechen. Punkt 1 abgehakt. Dann wird mir klar, dass ich für heute noch FÜNF „Termine“ eingeplant habe –welcher Wahnsinn hat mich da getrieben, dabei will ich eigentlich nur in Ruhe mein Bild „ Hummelwiese“ weiter malen. 10 Minuten dasitzen und über einige Verse des 37. Psalms nachdenken, Stille Zeit dazu zu sagen wäre schon zu viel. Nebenan macht sich meine Tochter hübsch für den heutigen Schulmottotag: „Kindheit.“ Mit Frozen Pulli, geschminkt und bezopft auf Anna getrimmt. Sieht auf einmal ganz anders aus...

Um 11 Uhr bin ich zur Abwechslung selber mal beim Arzt wegen meiner schmerzenden Gelenke. Wechseljahre? Gicht? Rheuma vielleicht, meint die Ärztin und ordnet ein Blutbild an. Wieder zuhause, Wäsche aufhängen, Gemüsereis für die „Nicht-Fleischesser“ in der Fastenzeit. Dann zur Schwiegermutter ins Heim, ihr die neuen Anziehsachen bringen und anprobieren und später wieder umtauschen. Ich bemühe mich um Konversation und frage, was es mittags gab: Gulasch. Das erinnert mich dran, dass ich dann gleich zuhause die Gulaschsuppe für die „Gemüseverweigerer“ in der Fastenzeit kochen muss. Gerade damit fertig, klingelt meine Nachbarin, der 3. Termin sozusagen.

Wir trinken ein Tässchen Kaffee und reden über unsere Bilder und planen die nächste Ausstellung. Keine halbe Stunde später klingelt es wieder, der Junior kommt aus der Schule, inklusive zweier großer Wäschebeutel, mit hungrigem Blick tigert er durchs Erdgeschoss. Ein paar Minuten haben wir noch, dann klingelt der nächste, ich mache wieder eine Waschmaschine an und wir bereiten uns auf Termin 4 vor: Mit Tom in die Stadt und er darf sich von seinem Taschengeld eine CITYBAHN kaufen. U-Bahn, durch dichtes, lautes Menschengedränge sich wühlen, im Kaufhof Rolltreppen hoch fahren und –Gott sei Dank – es gibt noch einige wenige Exemplare. Mein Sohn ist glücklich. Noch kurzer Stopp im LEGO-laden, weil da gerade Bauaktion ist. Dann wieder heim, kurz nach sechs, schnell noch in die Apotheke. Er setzt sich dort in den Flur vor den Ausgabeschacht und sammelt die Medikamente ein, die durch den Schacht herausfallen.... Sind bloß nicht unsere, aber die nette Apothekerin kennt uns schon länger kennt uns schon gut und bleibt gelassen. Auf dem Heimweg dürfen wir im VW Bus unseres Nachbarn mitfahren, der uns zufällig überholt. Zuhause macht meine Tochter Smoothies und belegt die ganze Küche mit Obst und Gemüseresten. Tom ist mit seinem neuen Zug glücklich und beschäftigt, ich nutze die Gelegenheit und mache mich auf zum letzten Aktion heute: die Flüchtlingsfamilie in der Nachbarschaft besuchen, wollte ich schon dauernd machen, aber jetzt wird es eilig, weil die Tochter am Wochenende mit auf die Teeniefreizeit unserer Gemeinde fahren soll. Ich komme mitten ins Chaos, ein krankes heulendes Kind auf dem Weg ins Krankenhaus, ein fröhlich glucksendes Baby am abgeernteten Abendbrottisch, eine gehetzte verzweifelte Mutter – au weia. Mit der halbwegd deutsch sprechenden Tochter kann ich den Infozettel für die Freizeit kurz klären – was genau ist 3-teilige Bettwäsche, was ist ein „Gegenstand“.

Ich füttere kurzerhand das Baby fertig und schäkere mit ihm rum – dann muss ich schleunigst wieder heim. Meine Tochter ist inzwischen weg, hatte offensichtlich keine Zeit mehr zum Abspülen, hat mir aber dankenswerter Weise ein großes Glas grünen Kiwi-Avocado-Smoothie stehen lassen. Solange ich aufräume, schlendert Moritz ins Esszimmer und als ich mich wieder umdrehe, hat er die 0,5 l intus. „Bisschen sprudelig, aber sonst...“ sein rülpsender Kommentar. „Wusstest du nicht, dass deine Schwester schon unterwegs ist und Du quasi hier im Haus die Verantwortung hast?“ fragt ich stirnrunzelnd. Er grinst mich nur an: „Nee, Du meinst so wie Donald Trump?? Du sitzt im Haus und hast die Verantwortung und weißt es gar nicht??“  Schaut der Junge zu viel Nachrichten? Eigentlich will ich nur noch meine Ruhe. Die Wäsche von vorhin aufhängen, noch eine Trommel waschen. Sonst gibt’s morgen keine Hosen zum Wechseln. Dann noch Abendbrot mit den Jungs, die nur Blödsinn machen, der Käse flutscht aus der Hülle unter den Tisch, ein tolles Geräusch, den Schinken auf den Holztisch zu klatschen, also wirklich. Der Eheliebste weilt noch friedlich im Büro und ruft wie üblich mitten beim Essen an, während ich nach dem letzten Schinken hechte, und fragt, ob ich einen ruhigen Tag hatte?

Hatte ich, oder ? Nichts Schlimmes passiert.

 

Schnell was streichen

Einkäufe erledigt, Wäsche in der Maschine, das Wetter ist warm und trocken. Der Vormittag will ausgenützt werden.

Ich greife zu Pinsel und Lack, um endlich die Holzstühle auf der Terrasse zu streichen. Mein großes „Abitur fast fertig“ Kind lümmelt noch im Bett, ich tunke den Pinsel ein und streiche strahlendes Weiß auf braunes Holz . Ich komme zügig voran, ein Stuhl, fertig, jetzt der Tisch, keine große Sache.

Das Telefonklingeln überhöre ich, beim zweiten Mal gehe ich dann doch ran, weil ich meinen Mann am AB höre; seit Tagen ist er dienstlich unterwegs. Der wiederum informiert  mich leicht  genervt, dass er auf keinen Fall sein Kind abholen kann, das im Pausenhof gestürzt ist, weil er gerade beruflich unterwegs ist, und wieso ich gefälligst nicht ans Telefon gehe, wenn die Schule anruft?? Ja wieso nicht...

Meine große Tochter tapst verschlafen in die Küche, um sich Kaffee einzugießen, fragt mich vorwurfsvoll, weshalb ich eigentlich nie an mein Handy oder Telefon gehe, dass durchs ganze Haus bimmelt, ob ich nicht doch ein Hörgerät...

 

Alles klar, ich streife Handschuhe und Malkleidung ab, rufe die Schule zurück – Julian ist  schwer gestürzt, wird von den Schulsanitätern betreut, bitte abholen.

Vor Ort werde ich von hilfsbereiten sanitätswesten tragenden Mittelstuflern abgeholt, die sich zu viert um meinen eigentlich recht munter ausschauenden Sohn kümmern, sprich seine aufgeschlagenen Kniee säubern und ihm gut zureden – mehr ist es zum Glück nicht.

Ich soll ihn trotzdem mit nach Hause nehmen, das Treppensteigen geht nur mühsam, und Unterricht ist meist im 3. Stock.

Vorher muss ich noch im Sekretariat die Fehlmeldung unterschreiben und der fragend dreinschauenden Dame erklären, dass ich wegen dieser Verletzung NICHT  zum Arzt gehe, weil sich mein Sohn, seit er laufen kann im Schnitt wöchentlich von Februar bis Oktober die Knie aufschlägt und wir inzwischen einen großen Vorrat an Salben, Desinfektionsmitteln, Kompressen und Verbänden zuhause haben – und natürlich, geimpft ist er auch, na klar.

Zuhause bettet sich Julian mit frisch desinfizierten und verbundenen Knien (damit er es immer sieht und weiß, dass er etwas langsamer laufen muss, eventuell auch etwas hinken..) gemütlich aufs Sofa, ausgerüstet mit Getränk und Brotzeit –

was ihn wirklich schmerzt, ist das Sandwich, das er just beim Sturz verloren hat, und um das sich leider keiner gekümmert hat!

Mir bleiben noch 20 Minuten, den restlichen Stuhl zu streichen, bevor das nächste Schulkind kommt – Mittagessen? Fällt heute aus. 

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© Ute Haller