Blog über Familie, AlltagsWAHnsinn, Glaube & Autismus

Eine sechsköpfige Familie einschliesslich autistischem Kind - da wird es nicht langweilig.

Ich muss mir keine Geschichten ausdenken, sondern einfach nur Notizen machen, was passiert ist, was gesagt wird.

So füllt sich die Geschichtensammlung.

Durch das Schreiben gewinne ich wieder Abstand und kann im Nachhinein über manches lachen, was mir vorher Nerven kostet. 

Auch wenn es anstrengend klingt - ich würde nicht tauschen wollen und liebe meine Familie!

Ferientag im November

 

Es ist Buss- und Bettag, diese geniale Lösung von halb aufgehobenem Feiertag und schulfrei, aber nicht für die Erwachsenen. Also für die Schulkinder, die irgendwie beschäftigt werden müssen.

Ich überlege, mich morgens heimlich ins Einkaufszentrum davon zu stehlen,

um einige Besorgungen zu machen. Aber schon hat es mein Großer gehört

und er würde gerne mitgehen, um seine Computerspiele gegen Neue um zu tauschen.

Bei dem Wort „Mercado“, der Name unseres EZ, bekommt auch der Jüngere leuchtende Augen. Als Autist und Nichtsprecher soll er ja auch seine Wünsche äußern dürfen und tippt per FC aufgeregt auf die Schreibtafel: ICH LIEBE ES DORT DIE SPIELWAREN ANZUSCHAUEN.

Habe ich eine Wahl? Also packe ich die zu reparierenden Schuhe und beide Jungs ins Auto. Wenigstens ist noch nicht viel los am Vormittag. Gerade angekommen, kann ich gerade noch schnell meinen Plan 1. Schuhe, 2. Metzger,  erklären, dann stürmen sie los. „Vielleicht musst Du ja mit in den Gamestop, weil ich noch nicht 18 bin,“ ruft mir Julian zu und ist weg.

Tom habe ich nach einem kurzen Spurt eingeholt, um ihn erst zum Master Minit zu lotsen. Ich wähle irgendwelche neue Absätze aus, immer mit einem Blick auf unseren Jüngsten. Dann zum Spieleladen, ich schaue mich fragend um. Hatte ich nicht gesagt, hier treffen.. ? Auf die Frage, ob ich etwas suche, antworte ich: „Nur Meinen Sohnemann“, und bin schon wieder unterwegs. Beim Müller finde ich Tom vor dem Autoregal, wo er hingebungsvoll die Plastikautos rausnimmt und ab und zu auch mal zärtlich küsst. Ich versuche ihn erfolglos davon abzubringen. Schnell mein Druckpapier kaufen, wo ich eh schon mal hier bin, dann noch zum Metzger eine Etage tiefer. Da haben wir Glück. Nur eine kleine Schlange und unsere Lieblingsverkäuferin, die auch gerne einem 1,80 m großen Jungen eine Gelbwurst schenkt! Jetzt müsste ich nur noch Julian finden. Bei Anrufen ist nur die Mailbox dran. (Sein Handy hat er gar nicht dabei, erklärt er später). Ich gehe mit Tom Richtung Ausgang, er zeigt auf seine Hose. Auch das noch – die Toiletten sind im ersten Stock. Da die nähere Rolltreppe gerade gewartet wird, müssen wir zur anderen, gefühlt einen halben Kilometer weit weg. Runter dann nehmen wir die Abkürzung durch den H&M und sehen Julian im Foyer suchend herumlaufen. „Äh, kommst du noch mit zum Gamestop?“ Fragt er.

Verzweiflung. Da müssten wir wieder alle die Treppe hoch. Ich setzte Tom auf die bunte Sitzgruppe, Julian gibt ihm großzügigerweise den Spielzeugkatalog, und ich beschwöre ihn, sitzen zu bleiben, bis wir wieder kommen. Dann wieder die Rolltreppe durchs Geschäft, wenigstens trägt Julian bereitwillig die schwere Einkaufstasche, schnell in den Gamestop. Ah, da ist jetzt ihr Sohn, begrüßt mich der Verkäufer grinsend, ich unterschreibe schnell, mein Sohn packt glücklich sein neues Spiel ein und zeigt mir stolz eine adidas Gürteltasche, die er sich als erstes gekauft hat. Wieder gleichen Weg nach unten, Tom sitzt noch da und schaut wartend umher. Endlich zum Ausgang, ich werfe noch sehnsüchtige Blicke in den Dekoladen, auf eine gemusterte Bluse im Angebot, dann zum Automat und Auto. Nächstes Mal komme ich wieder alleine!

 

 

Einfach vergessen

 

Man glaubt es ja immer nicht, diese Geschichten, von wegen Kind am Parkplatz vergessen.

Das ist uns auch nicht passiert, aber trotzdem hat unser drittes Kind das Gefühl, nicht genug Beachtung zu bekommen und öfter mal "durchs Raster" zu fallen.

 

Schon seinen ersten Auftritt beim Krippenspiel im Kindergarten als Josef

versemmelten wir. Mutter schrieb sich die Uhrzeit nicht genau auf, hatte sie dann falsch in Erinnerung. Vorher war die Weihnachtsfeier im Förderkindergarten von Kind Nr. 4, und wir kamen erst zur zweiten Feier im Saal an, als schon alles vorbei war. Der Kindergarten hatte wohlweislich eine Zweitbesetzung eingeplant, so dass das Krippenspiel halbwegs reibungslos über die Bühne gehen konnte. Ein enttäuschter Fünfjähriger stand traurig in der Türe...Und so ging es weiter. bei Besuchen bekamen die beiden großen Schwestern was, den Kleinen hatte man vergessen. Ja, den jüngsten wegen seiner Behinderung, der war einfach präsenter und brauchte viel Zeit und Aufmerksamkeit. Als Teenager war es nicht anders: "Keiner interessiert sich dür mich, außer ich muss ein Referat halten oder es ist was kaputt", beklagte sich der 15jährige zu Recht.

Nun war er in diesem Jahr beim Metropolmarathon  mit seinem Papa angetreten, 10 km bzw. Marathon stand für die Beiden auf dem Programm. Das schafften sie auch, die größere Herausforderung war die Hitze - erster richtig heißer Tag des Jahres. Völlig verwirrt, warum man die Strasse für die Läufer freihalten soll und nicht an der Wasserausgabe matschen darf, rannte unser autistischer Sohn kreuz und quer durch die Innenstadt, völlig irritiert und überfordert – erst hier stehen und Papa zur letzten Runde anfeiern, dann zum Verpflegungszelt laufen, dort warten... Ich brauchte alle Kräfte, ihn zu beruhigen und nicht aus den Augen zu verlieren. Inzwischen war Julian schon längst durch das Ziel mit einer Stunde und acht Minuten. Eine klasse Leistung - nur hat ihn keiner bejubelt- erst eine Stunde später traf er auf eine gestresste Mutter und den verunsicherten Bruder. Telefonieren hatte ich glatt vergessen. Zu recht reagierte er angesäuert und wollte nur nach Hause.

„Wie heißt nochmal dieses Fremdwort mit 12 Buchstaben, dass unsere Familie nicht kennt?" war seine provozierende Begrüßung, als wir uns endlich trafen.K-O-M-M-U-N-I-K-A-T-I-O-N... 

O Tannenbaum

 

Der Weihnachtsbaum – Ich hätte nie gedacht, wie wichtig er für unseren autistischen Sohn ist! Zugegeben, er stand nah beim Sofa an Toms Lieblingsecke , und es sah immer so aus, als ob er sich ein bisschen an die Zweige kuscheln würde. Als wir unser Wohnzimmer umräumten und das Sofa mehr Platz beanspruchte, beschloss ich, dass ein kleinerer Baum ausreichen würde. Sonst hatten die männlichen Mitglieder unserer Familie sich immer ein ansehnliches Exemplar ausgesucht, das die Decke streifte und den Zugang zur Terrasse verbaute. Diesmal gab sich Gelegenheit auf dem ortseigenen Weihnachtsmarkt, und ich bestellte mit Lieferung frei Haus kurzentschlossen eine handliche Tanne, während sich mein Sohn nichtsahnend ins Karussell  gequetscht hatte und fröhlich seine Runden drehte und mein Mann seinen Glühwein schlürfte.
 

Als dann der Baum kam und aufgestellt wurde und die älteren Geschwister ihn schmückten, kam die Erkenntnis. Heulend und jammernd sass Tom auf dem Sofa, ich wußte erst gar nicht, was los war. Als er sich beruhigt hatte reichte ich ihm die FC-Tafel und er tippte:

ICH VERSTEHE NICHT WARUM IHR SO EINEN KLEINEN BAUM GEKAUFT HABT.

ICH MÖCHTE LIEBER EINEN GRÖSSEREN.

Ich versuchte zu erklären, warum und wieso, und das es weniger Platz gibt und überhaupt, Du bist so groß geworden, deswegen kommt Dir auch der Baum kleiner vor... Alles umsonst. Anklagende Blicke trafen mich und er überließ sich seinem Schmerz. Also echt, zusätzlich noch zum Weihnachtsstress das Theater wegen der Baumgröße...

Ich klagte unserer Familientherapeutin mein Leid –was sollte ich noch machen? Sie erklärte mir, dass es zuerst wichtig wäre, auf die Gefühle meines Sohnes einzugehen und sie ihm zu erklären und widerzuspiegeln:

„Du bist wütend und enttäuscht, weil der Baum kleiner ist als im letzten Jahr. Du hattest Dich vielleicht schon gefreut, wieder neben einem großen Baum zu sitzen und die Zweige zu spüren. Das tut mir leid.“ Dann sollte erst die Erklärung kommen. Das leuchtete mir ein – bei nächster Gelegenheit probierte ich es aus und er beruhigte sich viel schneller und hörte mir aufmerksam zu. Auch bei Konflikten in der Familie oder Frust über die eigene Behinderung hatte ich den Eindruck, dass es ihm guttat, ihm bei der Einschätzung seiner Gefühle zu helfen, ohne dass sich gleich eine Lösung ergab. Zumindest war die Weihnachtsstimmung gerettet, ein leichter Schmerz blieb.
 

Im darauffolgenden Jahr besprachen wir das Baumthema rechtzeitig,

und natürlich gab es konkrete Vorstellungen seinerseits: ICH MÖCHTE EINEN GROSSEN BAUM DER BUNT GESCHMÜCKT IST UND RICHTIG VOLL MIT ALLEM MÖGLICHEN. Alles klar - Tom ging mit Papa den Baum einkaufen und ich erweiterte unser Strohsterne und Glaskugelsortiment um bunte Autos, Glitzerengel und Lametta und eine zusätzliche bunte Lichterkette – Weihnachten kann kommen!

Nichts ist dauerhaft

 

Manchmal geht tagelang alles gut, dann wieder häufen sich die Ereignisse.

So auch neulich:

Erst brach die Plastikschnalle an Julians neuem Schulrucksack ab – der war dann erst mal nicht mehr zu tragen. Mehrere Fachgeschäfte klapperte ich erfolglos ab, bekam verschiedene Ratschläge zu hören, u.a. :“Am Besten gleich einen neuen Kaufen“ „Der ist nagelneu!!“ widerspreche ich empört. Endlich gibt mir jemand den Tipp, es beim Sportausstatter zu versuchen – und siehe da, zu meiner Freude entdecke ich alle möglichen Verschlüsse und Schnallen als Einzelstücke zu lächerlichen Centpreisen. Nähen krieg ich selber hin...

Dann riss die Stoffnaht an Julians Schultertasche auf. Zum Glück war da schon Freitag, dachte ich, erst mal Schluss mit kaputten Schulsachen...

Am Wochenende war er auf Freizeit und kam – wie sollte es anders sein -  mit einem Schlafsack wieder, dessen Reißverschluss nicht mehr funktionierte.

„Also ehrlich, Mami, ich meine, ich mach doch gar nichts, das taugt eben alles nicht...“verteidigte er sich empört, als er meine vorwurfsvollen Blicke bemerkte.

 

Montagabend bemerkte mein Mann, der Elektroingenieur, ein Aufladekabel in der Steckdose, das notdürftig mit Tesafilm repariert war – ein absolutes NoGo!

Die Frage „Wer hat eigentlich...“ konnten wir uns sparen, denn natürlich, völlig absichtslos, war unserem Teenager das Handy samt Kabel aus der Hand geglitten und er gleich darauf getreten.

Dienstag mittag dann kam Julian von der Schule heim, seit einigen Wochen zeichnen sie in Kunst mit Tusche und Feder. Nicht das ich meinem Sohn nichts zutraue, aber es war mir völlig klar, das so ein kleines Tuschegläschen viel Risiko birgt....und prompt erzählt er, dass ihm die Tusche umgefallen wäre – aber so ein Glück, Mami, nur auf meinen Pulli und nicht aufs Papier...!

Ja so ein Glück, dass es ein alter dunkelgrüner Pulli war, denke ich mir.

Beim übernächsten Mal war es dann wieder soweit. Durch einen unglücklichen Zufall fielt ihm das Glas runter, der Deckel zerbrach – nur gut, dass Muttern vorsorglich alles in eine Tüte hatte.... Wieso kauf ich eigentlich kein Plastikgefäss??

 

10 Minuten noch, dann muss ich mit Simon zum Schwimmkurs los. Die Jungs spielen im Wohnzimmer,ich hole mir meine Zeitschrift und schaffe es gerade bis zum Vorwort, dann flötet Julian: „Ähh....Wo finde ich nochmal einen Lappen?“

Wie – Lappen?

„Na die Vase im Wohnzimmer, du weißt schon....“

Natürlich weiß ich, es -  dass mir nicht mal 10 Minuten Pause vergönnt sind...!!!

 

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